Haarausfall und Vitiligo: Weisse Flecken, lichtes Haar

Autor: Anja Claus Apothekerin

Schritt 1

Eine Frau mittleren Alters betritt die Apotheke. Trotz warmer Temperaturen trägt sie ein Tuch um den Kopf und drum herum ist etwas schütteres Haar sichtbar. Nach der Begrüssung bittet sie Sie um ein vertrauliches Gespräch. In einer diskreten Beratungsecke nimmt die ca. 55 Jahre alte Frau das Tuch ab und zeigt Ihnen runde Stellen, an denen das Haar komplett ausgefallen ist. Die Dame berichtet, dass ihr täglich unglaublich viele Haare ausfallen, sodass sie gar nicht mehr ohne Kopfbedeckung das Haus verlassen möchte. Sie weiss sich keinen Rat mehr.

Das Literaturverzeichnis ist unter Schritt 10 dieser Fallstudie aufgeführt.

Der Haarzyklus beschreibt die Wachstumsphasen des Haarfollikels (Abbildung 1). Die längste Phase ist die Anagenphase (Wachstumsphase). Etwa 85 bis 90 % der Kopfhaare befinden sich in dieser Phase. Sie dauert zwischen 2 und 6 Jahren. In dieser Zeit wächst das Haar um 0,3 bis 0,5 mm/Tag. Daran anschliessend folgt die etwa zweiwöchige Katagenphase (Übergangsphase), in der sich der Follikel verkürzt und das Haar abgestossen wird. Ca. 1 % der Haare befinden sich in der Katagenphase. In der Telogenphase (Ruhephase) schliesslich regeneriert sich der Follikel innerhalb von 2 bis 4 Monaten und ein neues Haar wächst [1]. Der Haarzyklus wird durch Wachstumshormone gesteuert. IGF-1 (Insulin-like Growth Factor 1) zum Beispiel bestimmt die Dauer der Wachstumsphase. Dihydrotestosteron erhöht die Expression von TGF-β-2 (Transforming Growth Factor beta 2), welches wiederum die Proliferation in den Epithelzellen hemmt. Zusätzlich aktiviert Dihydrotestosteron Caspasen, welche zur Verkrümmung des Haares beitragen [2, 3]. Ein erhöhtes Ansprechen auf Dihydrotestosteron führt also zu Haarverlust. Ein Haarverlust von bis zu 100 Haaren pro Tag ist physiologisch. Ist der Wachstumszyklus gestört, sodass ein vermehrter Haarausfall auftritt, liegt entweder ein Anagen- oder ein Telogen-Effluvium vor. Bei anagenem Effluvium ist die Wachstumsphase beeinträchtigt oder verkürzt und es fallen Anagenhaare aus. Liegt ein telogenes Effluvium vor, gehen mehr als 100 Haare pro Tag in die Ruhephase über und fallen daher aus.

Abbildung 1: Die vier Stufen des Haarwachstums.
A – Anagen; B – Katagen; C – Telogen; D – zurück zu Anagen
Abbildung 1: Die vier Stufen des Haarwachstums. A – Anagen; B – Katagen; C – Telogen; D – zurück zu Anagen

Zunächst unterscheidet man zwischen vernarbenden und nicht-vernarbenden Alopezien. Vernarbende Alopezien sind durch den kompletten Untergang des Haarfollikels gekennzeichnet. Sie führen zu irreversiblem Haarverlust. Ursache sind meist entzündliche Kopfhauterkrankungen unterschiedlicher Genese, z. B. tiefe Mykosen, Lupus erythematodes, Folliculitis decalvans etc. Zu den nicht-vernarbenden, lokalisierten Alopezien zählt man die androgenetische Alopezie (AGA), Alopecia areata (AA) und die Trichotillomanie. Letzteres bezeichnet das neurotisch-zwanghafte Ausreissen der Kopfhaare. Auffällig ist dabei eine Gynäkotropie, d. h. diese Krankheit betrifft vorwiegend Mädchen und junge Frauen. Meist liegt eine Störung der Impulskontrolle oder eine Zwangsstörung vor. Assoziiert ist eine Trichotillomanie oft mit anderen psychischen Erkrankungen. Eine weitere nicht-vernarbende Erscheinungsform ist der diffuse Haarausfall. Das typische Erscheinungsbild ist eine gleichmässige Ausdünnung der Kopfbehaarung. Die Kopfhaut wird insgesamt sichtbar. Eine häufige und sehr belastende Form von Alopezie ist der totale Haarausfall unter Radio- oder Chemotherapie. Die Ursache hierbei liegt in der Hemmung der Teilung der Haarfollikel-Epithelzellen. Somit beenden sehr viele Haare gleichzeitig die Anagenphase, gehen in die Katagen-und Telogenphase über und fallen aus. Bei einigen zielgerichteten wirksamen Antitumor Wirkstoffen wird zusätzlich die Induktion einer destruierenden Entzündung in den Haarfollikeln diskutiert [3]. Aromatasehemmer wiederum verringern die Estrogensynthese, der verminderte Hormonspiegel wiederum sorgt für den Haarverlust. Auf grosse Hormonveränderungen ist auch der Haarverlust post partum zurückzuführen. Die sprunghafte Veränderung des Estrogenspiegels bei der Entbindung ist für die Störung im Haarzyklus verantwortlich. Hier spricht man nicht von Alopezie, der Haarausfall ist nicht krankhaft, sondern physiologisch und vorübergehend.